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Telepolis: Gute Krippe, böse Krippe

 
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Gute Krippe, böse Krippe

Thomas Pany 19.02.2007
Ursula von der Leyen sticht ins gute alte deutsche Nest
"Familie ist das Wichtigste." Ein Konservativer, ganz klar. Der Hausherr hat drei Kinder und bald soll noch eines dazukommen. Er sieht mich überzeugend an, mit einem Blick, den seine Geschäftspartner wahrscheinlich gut kennen. Vor einiger Zeit hat ihn auch der Bürgermeister von München-Schäftlarn kennengelernt, wo man mit der Familie habe hinziehen wollen. Während die Kinder im Garten seiner luxuriösen Villa spielen, erzählt mir der Hausherr, dass besagter Bürgermeister auf die Frage nach Krippen geantwortet habe, dass es keine gäbe, weil es ohnehin besser sei, wenn sich die Frau zuhause um die Kinder kümmere. Da habe er nur gelacht und sich in einem anderen Ort nach einem Haus umgesehen. Mittlerweile habe sich die Lage aber geändert: Ein paar Anrufe zwischen Eltern und Behörden, die Krippen-Initiative war schnell gegründet, mit dem Bedarf von zwanzig, dreißig Plätzen kein Problem. Wie gesagt, Familie sei das Wichtigste und die Versorgung mit Krippen solle eine Selbstverständlichkeit sein.

Beim Thema "Krippe" erlebt man immer wieder Überraschungen. Wer annnimmt, dass nur Linke, Sozialdemokraten oder Grüne ihre Kinder in Krippen schicken würden, irrt. Aber noch mehr irrt, wer denkt, dass nur konservative CSU-Hardliner die Betreuung in der Krippe ablehnen. Ich könnte ohne Zögern eine größere Menge Bekannter und Freunde nennen, welche ihr Kreuz bei der Wahl nicht dort machen, wofür sich in Bayern traditionell die Mehrheit entscheidet, die sich aber bei der Frage nach der Krippenbetreuung auf einer Linie bewegen mit den CSU-Ultras.

Eine Mutter, die ein Kind unter 18 Monaten "abgibt", muss schon sehr gute Argumente haben hierzulande oder in echter Not stecken. Die "Fremdbetreuung" der Kleinsten lehnen viel mehr Deutsche ab, als man meinen sollte. Das "Tabu Krippe" zieht sich wahrscheinlich durch die gesamte Bevölkerungsschicht. Auch wenn man sich anderen gegenüber tolerant geriert: die eigenen Kinder sollen die ersten drei Jahre auf jeden Fall zuhause bleiben. Das hört man von der alternativen Ayurveda-Beraterin ebenso wie vom sozialdemokratischen Bankangestellten, der linken Filmemacherin oder dem gutsituierten Arzt - und von der ehemaligen Waldorf-Schülerin sowieso. Das übliche politische Koordinatensystem greift hier nicht, wovon die Erziehungsministerin von der Leyen zumindest aufmerksamkeitspolitisch sehr profitiert. Gibt es ein anderes Mitglied des Kabinetts Merkel, das quer durch alle Schichten bekannt ist und mit einem derart reformerischen Profil glänzen kann?

Von der Leyen ist derzeit der einzige Star, den die Merkeltruppe hat. Die Einzige, die vorgibt, Visionen zu haben: Männer müssen sich aus ihrer "sehr engen, antiquierten Rolle" heraus weiterentwickeln und die viel Geld für Reformvorhaben aus dem Sparbudget schneiden konnte, Geld, wie z.B. das Elterngeld, das dann auch spürbar ankommt; eine, bei der sich Kritiker sehr schwer tun, wie es der jüngste Sturm im Wasserglas bei der Krippen-Frage noch einmal gezeigt hat. Holen wir uns jetzt - durch eine CDU-Familienministerin - endlich die Schwedenhäppchen und die französische Lebensart in punkto Kindererziehung, die wir uns von den Sozialdemokraten und Grünen gewünscht, aber von den Alphatierchen alter Schule (Schröder, Fischer) nie bekommen haben?
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So sieht es fast aus. Und gegen die Richtung ist wenig einzuwenden. Mehr Krippenplätze machen freier, keine Frage. Und in dem Fall fällt auch die Antwort auf die Frage "wozu frei?" leicht: Für Einkommen, das von zwei Personen erbracht werden kann, für die Miete, für gute Ernährung, Kleidung, für Ferien, für bessere Förderung, zufriedenere Eltern, deren Lebenssinn sich eben nicht nur in der Aufzucht von Kindern erschöpft. Dazu kommt, dass andere Kinder auf Dauer die besseren Spielpartner sind – wie zahlreiche Untersuchungen immer wieder belegen (ohne dass es jedoch die zahlreichen Krippengegner auch nur ansatzweise beeindruckt).

Aber, wie es der oben erwähnte Geschäftsmann und Familienvater unmissverständlich bestätigte, die Familienpolitik von Frau von der Leyen hat ihr anvisiertes Milieu, das gutsituierte nämlich. Auf die Bemerkung, dass Harz 4 Empfänger von dem neuen Elterngeld gar nicht profitieren und sich gute Kinderkrippen mit gut ausgebildeten Betreuern, die sich auf Frühförderung verstehen, auch künftig kaum leisten könnten, antwortete er, dass Familienpolitik nicht dazu da sei, Leute zu alimentieren, die ihren Lebensunterhalt auf Kosten des Staates bestreiten, indem sie Kinder in die Welt setzen.

Zu dieser "Milieu"-Grenze der Familienpolitik, die ja zum Ziel hat, allgemein bessere Bedingungen zu schaffen, damit in sich in Deutschland wieder mehr Paare für Kinder entscheiden, kommt eine andere: Die Arbeitskultur ist in Deutschland noch nicht reif für eine Familie, in der beide arbeiten. Was hilft die Krippe, wenn der Chef, der Betrieb, die Auftragslage, die Deadlines von den Versorgern erwarten, dass man weit über acht Stunden täglich hinaus für die Brotarbeit zur Verfügung steht?

Dass man sein Kind jetzt von der Krippe /Kindergarten abholen muss, dass das Kind krank ist, und man deswegen die Arbeit unterbrechen muss (etwa weil der andere "Elternteil" seine nicht unterbrechen kann) oder dass am Wochenende ein Ausflug geplant ist – so etwas wird im deutschen Arbeits-Alltag meist noch als lästige Betriebsstörung empfunden und derjenige, der es zur Sprache bringt, als Bittsteller. Karrieregedanken können sich Durchschnittseltern ohnehin abschminken, ohne Kindermädchen oder Au-Pair-Hilfe gibt es keine Extra-Zeit für Networking, Weiterbildung und zusätzliche Arbeitsstunden; da hilft die beste Work-Life-Balance nichts, die Balance fordert anderes: Jemand muss das Baby füttern, herumtragen, beim Größeren stehen, wenn er auf den Topf sitzt, die Kindergartentasche packen, das Essen machen, anziehen, ausziehen, Zähneputzen, vorlesen und den Haushalt schaffen. Wenns nur einer macht, verlieren beide und schließlich auch die Kinder.

Die Quadratur des Kreises schafft auch kein Schwede, aber man kann die Kinder, wie ich es bei einem Vortrag eines schwedischen Wissenschaftlers sah, dessen zweijähriger Sohn die Papiere des Vaters kurzzeitig mit einem Handwischer neu ordnete, ohne dass einer der Zuhörer sich dadurch aus der Ruhe bringen ließ, anders in die tägliche Wirklichkeit bringen als bisher. Sie sind unter uns. Man muss nicht soviel Aufhebens um sie machen, woraus - im Gegensatz zu vielen deutschen Eltern - französische Eltern eine angenehme Kultur entwickelt haben. Aber wahrnehmen müsste man sie schon mehr als es unsere erwachsene Einzelkämpfergesellschaft bislang tat. Kein Wunder, dass sich hier Fragen stellen, die quer durch die politischen Lager laufen; orthodox sind sie nicht zu beantworten.

Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24676/1.html


Zitat
Themenstarter Geschrieben : 19.02.2007 20:45
(@rick67)
Rege dabei Registriert

Hi,

frage mich allmählich, was schwerer ist: es allen oder keinem recht zu machen? dazwischen, vielen, ohne, dass wiederum die wenigen aufschreien. umgekehrt, es den wenigen auf "kosten" der vielen?

endlose debatten in diesem land. darum fruchtlos. es schwingen meist neid, selbstmitleid und gutmenschentum dabei mit, neuerdings über parteigrenzen hinweg.. bild und faz, taz und mopo auf einer linie.

es gibt hier nur eine wahrheit: deutschland ist strukurell ein kinderfeindliches land!

kinder sind zukünftige rentenzahler, willkommene konsumenten, sobald sie die erste windel vollsche...en, ein markt in mehrstelliger milliardenhöhe, und je weniger sie werden, umso teurer sind sie uns ..., besonders, wenn auch die scheidungsindustrie involviert ist.

habe übrigens letztes we meine 5-jährige tochter auch am abend zu einer veranstaltung mitnehmen müssen, passiert selten, aber passiert. ihr resümee: wir haben hart gearbeitet, papi :), sie hat "protokoll" geschrieben, als ich meinen vortrag hielt - und ich bin kein alter schwede.

sicher ist es nicht prickelnd, allein so kleine kinder zu erziehen, hunderte von euros dann auch noch für eine ganztagsbetreuung ausgeben zu müssen, die einem dann auch nicht voll anerkannt wird, aber vollzeit-beruf erst ermöglicht.

"Karrieregedanken können sich Durchschnittseltern ohnehin abschminken, ohne Kindermädchen oder Au-Pair-Hilfe gibt es keine Extra-Zeit für Networking, Weiterbildung und zusätzliche Arbeitsstunden; da hilft die beste Work-Life-Balance nichts, die Balance fordert anderes: Jemand muss das Baby füttern, herumtragen, beim Größeren stehen, wenn er auf den Topf sitzt, die Kindergartentasche packen, das Essen machen, anziehen, ausziehen, Zähneputzen, vorlesen und den Haushalt schaffen. Wenns nur einer macht, verlieren beide und schließlich auch die Kinder."

Aha, ich mach aber alles alleine, ohne das die kleine verliert. und tauschen würde ich mit niemanden wollen 🙂 klar, gehört viel organisation dazu.

Oh mann, die rumjammerei geht mir auf den senkel. es gibt studien, auch von spitzenverbänden der wirtschaft, die besagen, dass bei gescheiter betreuung kleiner kinder bis zum ende der grundschulzeit 8 mrd euro gespart werden können, die später anfallen, weil erstere eben nicht stattgefunden hat.

fakt ist: ich zahle sauviel steuern für die hohlköppe, die sich nicht trauen, der wahrheit ins gesicht zu schauen - und vor allem diese zu sagen: wir brauchen qualitativ gute betreuungsmöglichkeiten für unsere kinder!  kinder sind eine bereicherung! und sie sollten es uns wert sein 🙂

lg

rick


Die Ehe ist der Hauptgrund für Scheidung

AntwortZitat
Geschrieben : 19.02.2007 22:54