Zwar fürchte ich mich ein bisschen, dass die Ex hier per Zufall mitlesen könnte. Da ich mich momentan hier aber mehr zuhause fühle, als noch vor Wochen in der gemeinsamen ehelichen Wohnung, will ich mal ein bisschen von meiner Geschichte berichten.
Gestern trudelte eine Email ein, die mir die Auswirkungen unsere tragische Geschichte noch einmal sehr deutlich gemacht hat. Meine Ex ist krank, ernsthaft und chronisch krank. Als die Krankheit vor einigen Jahren ausbrach, da dachte ich: Hey, wenn jemand das hinkriegt mit so einem Schicksal fertig zu werden, dann doch wir. Ich dachte WIR, hatte aber die Rechnung nicht mit der Erkrankten gemacht. Es gibt Erkrankungen, da ist eine mangelnde Krankheitseinsicht fatal. Und damit wären wir bei dem größten Problem meiner Ex. Heilungschancen wurden vertan. So kam es, dass sich die gesundheitlichen Probleme rasant verschlechterten. Der Appell: „Mach es für Dein Kind!“, führte eher dazu, dass die Krankheit noch mehr verdrängt wurde.
Es verging in den letzten Jahren kaum ein Tag, an dem ich angesichts der Verweigerung der Annahme der Krankheit nicht weinen musste. Geweint habe ich aufgrund von Traurigkeit und Verzweiflung. Auf allen Ebenen gab es Probleme, steig wurden sie mehr.
Sukzessive bin ich in die Verantwortung von diversen Sachen reingerutscht. Habe immer wieder aufgefangen, gerettet und ausgeglichen. Meine Frau konnte diese Dinge kaum an sich heranlassen oder vergass solche Rettungsaktionen von mir schnell wieder. Nach Außen hin hat sie immer so getan, als ob nichts wäre.
Je mehr es Probleme mit der Annahme der Krankheit gab und je weiter die Krankheit fortschreitete, desto mehr bin ich Prellbock geworden. Prellbock für den unendlichen Ärger angesichts der fehlenden Annahme der Krankheit und der stetigen Verschlechterung der Situation. Weltschmerz, Schuld und Ärger wurde bei mir abgelassen.
Mir ging es von Monat zu Monat schlechter. Im letzten Jahr machte ich mir erhebliche Sorgen, angesichts der nicht aufhören wollenden Aggressionen meiner Ex und den damit verbundenen Streitereien, selber erkranken zu können. Verdächtigt wurde ich ständig, irgendetwas zu verantworten, womit ich überhaupt nichts zu tun hatte. Tatsächlich war ich immer darauf bedacht, alles richtig zu machen und meiner Ex zu helfen, wo ich nur konnte. Freunde verzweifelten, weil ich denen immer wieder mein Leid klagte. Niemand kam an sie heran.
Immer mehr wurde unsere Tochter in die Sache mit reingezogen. Da wurde ich verdächtigt, die Tochter gegen die Mutter aufzubringen oder nicht sorgsam genug Zeit mit ihr verbracht zu haben. Ihr könnt es euch schon denken, dass ist natürlich alles Quatsch. Noch heute, kann ich unserer Tochter sagen, dass sie eine tolle Mama hat. Die Mama hat in der Tat Alles gegeben, was möglich war. Heute kommt sie allerdings immer mehr an ihre Grenzen. Ich bin immer mehr in die Verantwortung für unsere Tochter hinein gewachsen.
Zunächst hatte ich dieses Vertuschen nach Außen mitgemacht. Dies hat mir allerdings immer mehr Probleme bereitet. So dass ich mir mit therapeutischer Hilfe aus dieser Grube half. Ich teilte meine Sorgen immer mehr meinen/ unseren Freunden mit, die alle sehr betroffen waren. Je mehr ich meine Sorgen nach Außen trug, desto mehr verkroch sich meine Ex. Sie verbat mir häufig, mit Freunden über die Probleme zu reden. Sie bildete Depressionen aus, die immer wieder alles lahm legten. Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo ich abends nach Hause kam und erst einmal den Dreck und Müll beiseite räumen musste, der sich tagsüber um den Sitzplatz meiner Ex herum gesammelt hatte. Sie kümmerte sich zum Schluss kaum noch um behördliche Angelegenheiten, so dass wir auch noch finanzielle Probleme bekamen. Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis sorgten zusätzlich immer wieder für Streitereien aufgrund von Missverständnissen oder Versäumnissen. Natürlich konnte darüber nicht gesprochen werden.
Es gab zwar immer mal wieder leichte Verbesserungen (solche Erkrankungen verlaufen kurvenartig meist nach unten) und auch den Alltag haben wir irgendwie immer wieder hingekriegt. Diese „besseren“ bzw. „nicht so schlimmen“ Zeiten reichten aber kaum noch zum Luft holen, geschweige denn zum Energie tanken. Mir ging es immer schlechter. Die finanziellen Probleme führten in Verbindung mit den andauernden Streitigkeiten und noch ein paar anderen schlimmen Ereignissen führten dazu, dass ich mich trennen wollte. Die Trennung war das absolute Chaos. Heute leben wir mit einem Wechselmodell, das ich langsam anfange temporär als Möglichkeit für meine Tochter zu sehen. Ich denke, dass eine Menge von der Erkrankung meiner Frau abhängen wird.
Meine psychosomatischen Probleme sind heute nach einigen Wochen der Trennung fast ganz verschwunden. Gesundheitlich geht es mir wesentlich besser. Und auch sonst gelingt es mir immer mehr, mich von den alten Problemen abzugrenzen. Es liegt aber noch ein langer Weg vor mir. Auf Dauer wäre ich bestimmt auch irgendwann ausgefallen. Wer sollte dann unsere Tochter versorgen?
Jetzt komme ich mal zur Email. Die Email zeigt mir, dass meine Ex mich auch heute noch braucht, um Ärger und Schuld abzulassen. Sie macht eigentlich so weiter, wie bisher. Nur kann sie mich nicht mehr so gut in persona angreifen. Wenn der Ärger oder die Depressionen mal wieder zu viel Druck erzeugen, schießt sie einfach per Mail, manchmal am Telefon, in meine Richtung. Heute kann ich mir richtig vorstellen, wie sie den Inhalt der Email am Abendbrottisch in Gegenwart unserer Tochter zum besten gegeben hätte. Dann hätte sie den Tisch verlassen, sich ins Bett gelegt oder sich vor den PC gesetzt.
Früher habe ich alles aufgefangen. Man hält aus, wenn man liebt. Heute bin ich schuldig für alles, aber nur noch bedingt in der Verantwortung. Ich kann mir die Mail durchlesen, entscheiden, ob ich etwas zu erledigen habe und ansonsten die Mail in den Papierkorb werfen. Natürlich trifft mich sowas noch, aber ich denke, dass ich auf dem richtigen Weg bin. 2013, so hoffe ich, ist das Jahr in dem es weiter bergauf gehen könnte. Manchmal fühlt es sich an, als wenn es noch weiter bergab geht, aber das gehört glaube ich dazu. Auch hoffe ich, dass sich die Situation zwischen uns als Eltern etwas beruhigen könnte. Auf Dauer dürfte es für unsere Tochter nicht gut sein, wenn immer in Richtung des Vaters geschossen wird. Meine neuen Energien nutze ich zum Sortieren meines Lebens und für die Zeit mit meiner Tochter. Mal sehen, was das Leben uns noch so bringen wird.
--
Kopf hoch
Sehr schön geschrieben. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und gemäß deiner Signatur: Kopf hoch.
Wow.
Bin noch ganz neu hier im Forum.
Und die erste Geschichte die ich lese, ist deine.
Und sie spiegelt fast 1:1 meine eigene wieder.
Das ist wirklich unglaublich.
Da ich genau weiß, wie du dich fühlst, wünsche ich dir alles Gute!
Und tapfer bleiben. Wenn man nach vorne schaut, gehts auch weiter.
Noch vor 3 Monaten hat mich nur die Verantwortung für mein Kind dazu bewegt, überhaupt morgens noch aufzustehen.
Jetzt habe ich mein Leben fast wieder im Griff (abgesehen von finanziellen Schwierigkeiten, welche so eine Trennung, insb. mit dem Hintergrund einer derartigen Erkrankung des ehemaligen Lebenspartners, mit sich bringt, aber das wird auch noch).
Grüßle Harald
Hi Its,
willkommen hier im Forum. Du wirst hier viele gute Tipps finden.
Falls Du ihn noch nicht kennst, schau auch mal in den trennungs-FAQ: www.trennungs-faq.de. Dort bekommst Du auch noch einige Tipps zur Bewältigung der Trennungsprobleme.
Auch wenn Du auf die Erkrankung Deiner Ex nicht näher eingehst (und wir hier im Forum auch von Selbstdiagnosen nicht viel halten) spricht wohl einiges für ein psychisches Problem.
Ob Du dich in dieser Situation zurücklehnen kannst, wage ich aber zu bezweifeln. Eine Exe von dem Kaliber wird nicht lange brauchen, um zu merken, dass es da noch ganz andere Druckmittel gibt, die dich mal richtig "erfreuen" könnten. Und dann ist es nicht mit "vom Tisch aufstehen" getan.
Neben der psychischen Beeinflussung Deiner Tochter steht einer solchen Exe ein breiter Strauß an Kindsbesitzerwerkzeugen zur Verfügung. Wie wäre es z.B. mal mit gezieltem Umgangsausfall, um Dich wieder in ihre Spur zu bekommen? Oder vielleicht fängt zum nächsten Umgangstermin eine plötzliche Mutter-Kind-Kur an?
Lehn Dich nicht zurück, sondern mach Dich auf so einiges gefasst. Im Forum wirst Du auf jeden Fall Unterstützugn finden. In besonderen Fällen kann hier auch ein Sonderfallforum eingerichtet werden. Dort hast Du allerdings weniger Meinungen. Also bleib erstmal hier im "großen" Forum. Gruß Ingo
