Hallo,
heute mal wieder ein russisches Erlebnis von mir:
Hier in Samara hat man, wenn man kein eigenes Auto hat, mehrere Möglichkeiten von A nach B zu kommen. Die Üblichste, für meinen Geschmack, ist das offizielle Taxi. Das nehme ich sehr gerne, da es für unsere Verhältnisse auch sehr preiswert ist. So quer durch fast die ganze Stadt kostet es ca. 6,-- Euro incl. Trinkgeld. Taxistände wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es hier nicht. Auch fahren die Taxifahrer selten auf der Suche nach Passagieren durch die Stadt, wie das beispielsweise in Istanbul ist.
Vor unserem Hotel steht bei Wind und Wetter und beim kältesten Frost jeden Abend bis zum nächsten Mittag mindestens ein Taxi. Es wartet auf Fahrgäste aus dem Hotel und den beiden Restaurants. Aber jeder kennt das ja, die ganze Zeit steht es da, wenn ich unten ankomme und es benötige, ist es weg.
Ich könnte ja dann auf ein so genanntes illegales Taxi ausweichen. Die stehen auch oft vor dem Hotel. Es sind Leute in ihrem Privatauto, die sich ein Zubrot verdienen, wenn sie lauffaule Gäste transportieren. Da sie keine Konzession haben, bin ich etwas vorsichtig. Solche illegalen Taxen kann man auch jederzeit am Straßenrand anhalten. Einfach ein Zeichen machen, dass man mitgenommen werden möchte, es wird schon ein Fahrzeug halten. Da aber Ausländer als reich gelten, besteht eine extra Gefahr, zumindest für die Geldbörse.
Am Anfang bestand ich bei meinen Touren durch die Stadt, zusammen mit Katja, darauf, dass wir ein Taxi nehmen. Bis halt absolut mal keines aufzutreiben war. Wir standen vor einem Einkaufscenter und konnten auch per Handy kein Taxi herbeizaubern. Katja wollte dann mit mir Marschrutka fahren. Nun bevor ich irgendwo in Samara Wurzeln schlage, habe ich mich halt überreden lassen.
Aufgefallen sind mir die Marschrutkas ja schon öfter. Es sind Minibusse, meist gelb oder weiß mit einer großen Nummer drauf. Manche sind auch mit Werbung zugepflastert. Aber jedes hat an den Seitenscheiben große Plakate mit den verschiedenen Haltestellen. Sie fahren alle, ähnlich wie die großen Linienbusse, vorgegebene Strecken. Die meisten Fahrer halten aber auch an, wenn man ihnen unterwegs ein Zeichen gibt, dass man mit möchte. Katja gelingt es meist sogar, auch beim Aussteigen eine ganz persönliche passende Haltestelle – also nicht die offizielle – zu organisieren.
Eine Fahrt kostet 12 Rubel (etwa 30 Cent) egal wie weit man fährt. Eine Haltestelle kostet so viel wie von Endstation zu Endstation. Beim Umsteigen sind in der neuen Linie wieder 12 Rubel fällig.
Wie das Zahlen funktioniert ist immer wieder erstaunlich für mich. Man steigt ein, die Tür muss man selber schließen. Sucht sich einen Platz. Dann kramt man nach dem Geld und gibt es den vor sich sitzenden Passagieren. Diese reichen es wieder weiter bis zum Fahrer oder den Passagieren die im Fond neben ihm Platz genommen haben. Ticket und Wechselgeld kommt auf dem gleichen Weg zurück.
Die meisten Fahrer fahren so, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Haltegriffe gibt es selten mal, die Sitzreihen sind auch nicht in Zweierreihen hintereinander angeordnet. Wer also gerade eine Rückwärtsfahrt erwischt hat, nicht sieht wohin die Reise geht, wird in jeder Kurve hin und her geschleudert – festhalten ist nicht. Die Füße sollte man dabei am Besten im Boden verschrauben. Wenn jemand noch gegenüber sitzt, verzahnen sich etwa in einem Zickzack die Knie der Passagiere, da die Sitze so eng angeordnet sind, dass nicht mal die Beinfreiheit für Zwerge gewährleistet ist.
Im Laufe der Zeit habe ich mich ans Marschrutka fahren gewöhnt. Den Rückweg zum Hotel oder in die nächstmögliche Nähe davon, trat ich dann auch alleine an. Da ich schon einige Übung hatte, überredete ich Fritz am Samstag vor einer Woche mit mir Marschrutka zu fahren. Katja hat mir genau die Liniennummer aufgeschrieben und ich hatte mit ihr schon einige Tage vorher das für Samstag ausgemachte Ziel probeweise angesteuert. Somit wusste ich genau, wo ich aussteigen wollte.
Fritz und ich stapften also vom Wolgaufer ausgehend den Berg hinauf zu einem Platz, wo viele Marschrutkas ihren Start- und Landepunkt haben. Da kam auch schon eine Nummer 269. Genau die wollte ich haben. Also Handzeichen gemacht, Tür aufgezogen und mit Fritzchen eingestiegen. Fritz musste ich erinnern, dass die Türen nicht automatisch zugehen, er also selber Hand anlegen muss. Sofort gab der Fahrer Gas und uns warf es in die Sitze.
Bis auf dem Fahrer war der Minibus leer. Ich nahm die in einer Hosentasche bereit gehaltenen 24 Rubel und gab sie ihm. Er nahm bei voller Fahrt das Geld, riss zwei Tickets ab und gab sie zurück. Im Laufe der fast 45-minütigen Fahrt stiegen öfters mal Gäste ein und wieder aus. Im Großen und Ganzen war das Auto aber nie ganz ausgelastet gewesen.
Desto näher wir dem Ziel kamen, ein desto größeres Problem bekam ich. Die Fahrer halten nämlich nicht unbedingt an jeder Haltestelle. Steht dort niemand ruft er in den Fahrgastraum ob jemand aussteigen will. Wenn nicht, fährt er vorbei. Was ist also, wenn niemand an der Haltestelle steht und er die Frage stellt? Irgendwie vertraute ich einfach auf mein Glück. Das Vertrauen wurde nicht enttäuscht. Es standen Leute an der Haltestelle. Unser Fahrer lenkte also auf die rechte Seite und verlangsamte die Fahrt.
Er hält ganz kurz an und ich war auch schon an der Tür und öffnete diese. War mein Glück gewesen, da niemand von den Wartenden in diese Linie wollte, hatte der Fahrer schon die Absicht gehabt, wieder aufs Gas zu steigen. Das Geräusch der geöffneten Tür ließ ihn aber richtig bremsen. Wir hatten unser Ziel, das Einkaufszentrum „Parkhaus“ erreicht. Es ist nicht das was wir uns unter einem Parkhaus vorstellen. Es heißt nur so. Ein modernes großes Gebäude beinhaltet viele kleinere Geschäfte und einen wirklich guten Supermarkt.
Dort hatte ich auf meinen Touren mit Katja kleinere künstliche Weihnachtsbäume entdeckt, die nicht blinken und die nicht in allen möglichen Farben schillern, sondern nur schlicht und ergreifend grün waren. Wir haben aber nicht nur den Weihnachtsbaum gekauft, Fritz war beim Verlassen des Parkhauses mit zwei großen prall gefüllten Stofftaschen (mitgebracht aus Deutschland) beladen. Ich trug den länglichen in einen Karton verpackten Weihnachtsbaum.
Der Weg zur Haltestelle war nicht weit, allerdings war der Weg reichlich matschig, da es tagelang Tauwetter gegeben hatte. Wir positionieren uns also an der Haltestelle und warten auf die Marschrutka mit der Nummer 269. Es kommen viele Marschrutkas vorbei und halten auch an – aber keine mit der Nummer 269. Die Arme von Fritz wurden immer länger. Abstellen konnte er die Stofftaschen ja nicht, da ja alles furchtbar schmutzig war. Immer noch kommt keine 269. Inzwischen halten wir auch Ausschau nach einem Taxi. Kommt natürlich auch nicht.
Da, endlich die 269. Ich gebe das Zeichen und der Minibus hält an. Wir ziehen die Schiebetür auf – oh Gott, bis auf einen Sitzplatz ist alles voll. Fritz schiebt mich trotzdem ins Wageninnere. Ich setze mich hin, nehme den sperrigen Karton mit dem Weihnachtsbaum auf den Schoß. Fritz steht gebückt direkt an der Schiebetür. Bevor ich bezahlen und meinem Fritz die Taschen abnehmen kann gibt der Fahrer Gas. Fritz hat zum Glück die nötige Standfestigkeit.
Beim Zahlen merke ich zweierlei: erstens die beiden Plätze neben dem Fahrer sind noch frei und zweitens der Fahrer ist kein Fahrer, sondern eine Fahrerin. Hierzu möchte ich noch die Info einfügen, dass in Russland nur sehr wenige Frauen den Führerschein überhaupt haben und am Steuer eines PKW’s noch seltener eine Frau zu sehen ist. Bei der nächsten Haltestelle redet sie auf uns ein. Wir verstehen wie üblich kein Wort. Sie gibt also wieder Gas und spricht, trotz eines ziemlichen Tempos rückwärts gewandt weiter zu uns. Die Strasse ist an dieser Stelle, im Gegensatz zu den sonstigen Straßen in Samara, relativ gut ausgebaut und erlaubt somit auch ziemliche Geschwindigkeit.
Ich sehe uns schon einen Unfall bauen und will ihren Redeschwall stoppen. In meiner Panik kommt von mir der Satz: „I don’t speak Russisch“. Wie der Satz draußen war, wusste ich auch schon dass er falsch war, es hätte „Russia“ heißen müssen. Das Ergebnis meiner englischen Radebrecherei war wirklich, beinahe sogar wörtlich, „umwerfend“.
Die Fahrerin stieß ein lang gezogenes „ooooh“ hervor. Trat mit voller Wucht auf die Bremse, wie Fritz das stehend überlebt hat, bewundere ich immer noch, und dann kam ein kurzes: „Come on“. Mitten auf der Strecke, zieht Fritz die Schiebetür auf, steigt aus, Schiebetür wieder zu, Tür auf der Beifahrerseite auf, hinein mit Fritz und seinen Taschen, Tür zu und los geht wieder die wilde Jagd.
Es war bei weitestem die wildeste Marschrutka-Fahrt die ich bis dahin mitgemacht hatte. Einmal wurde sie wirklich nur ganz minimal von einer anderen Marschrutka behindert. Mir gelang es gerade noch, meinem Fritz zuzurufen, dass er sich und unsere Taschen festhalten soll, weil sie sich bestimmt gleich rächen wird. Ich war noch nicht fertig mit meiner Warnung, als sie auch schon an der bewussten Marschrutka vorbeizog und uns mit einem scharfen „Schlenker“ nach rechts in den Sitzen umeinander wirbelte und dabei das andere Fahrzeug zu einer Notbremsung zwang.
Nun noch das Ende der Geschichte: Wir kamen wieder gut im Hotel an. Gelitten hatten die Stofftaschen. Trotz einer Sofortwäsche waren die Matschflecken nicht mehr zu entfernen. Der Inhalt der Taschen, Christkindlesglühwein, Kühne-Senfglas, Bahlsen-Kekse und viele andere Leckereien mehr, haben die Höllenfahrt erstaunlicherweise ohne Schaden überstanden. Somit ist auch unser Weihnachtsfest gerettet – na ja schlimmstenfalls hätten wir uns noch einmal auf den Weg zum Parkhaus machen müssen.
