Alte Hüte runderneuert
Das vergangene Wochenende bescherte uns an zwei ganz unterschiedlichen Schauplätzen neue Diskussionen zum Thema Mutterschaft. Da war der Papst, der den "Aufreger" seines Österreich-Besuches in Form einer Bemerkung über das mangelnde Unrechtsbewusstsein, wenn ein Kind abgetrieben wird, platzierte. Und im Angesicht der Gnadenstatue von Mariazell mahnte Benedikt XVI., dass Europa die Kinder "ausgehen". Auch das wohl eindeutig an die Adresse des weiblichen Teils der Bevölkerung gerichtet.
In Deutschland deponierte eine Frau den "Aufreger". Die Autorin und Fernsehmoderatorin Eva Herman meinte bei der Präsentation ihres neuen Buches, im Dritten Reich sei vieles schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, vieles aber auch gut, wie etwa die Wertschätzung der Mütter. Ihren Job ist Frau Herman nun los - ihr Fernsehsender hat ihr nach dieser Bemerkung gekündigt -, die Aussage ihrer Bücher bleibt: die eigentliche Bestimmung und Aufgabe der Frau sind Kindergebären und Kinderhüten.
Nüchtern betrachtet, vertreten zwei Personen, der eine mit mehr moralischer Autorität als die andere, ihre Meinung. In einer pluralen, demokratischen Gesellschaft ist das leicht zu verkraften. Die Fristenlösung wird in Österreich, so weit absehbar, gesetzlich nicht abgeändert werden, und das Buch von Frau Herman muss man ja nicht lesen.
Ärgerlich an der Debatte ist, dass noch immer und immer wieder das Thema Kinder und Nachwuchs ausschließlich über die Mutterschaft und daher über das Selbstverständnis von Frauen geführt wird.
Sowohl dem Papst als auch Frau Herman wünscht man angesichts dieser Diskussion ein Ticket ins 21. Jahrhundert. Frauen wollen heute ihre zahlreichen Begabungen und ihre Mutterschaft gleichzeitig leben genauso wie Männer ihre beruflich verwertbaren Talente und ihre Vaterschaft nicht voneinander trennen. Dahinter gibt es kein Zurück.
Nur Gesellschaften, denen es gelingt, eine Rollenvielfalt für Männer und Frauen zu unterstützen, werden sich künftig über Nachwuchs freuen können. Elternschaft wird heute als Gemeinschaftsprojekt verstanden. Die Aufteilung der Welt in eine für Männer und eine für Frauen war einmal. Heute funktioniert das nicht mehr. Außer bei schlicht angelegten Personen, die dann wie Frau Herman auf ihrer Homepage auf die Frage "Was wäre anders, wenn Sie ein Mann wären?" antwortet: "Dann wäre ich größer und kräftiger und hätte völlig andere Aufgaben zu erfüllen, als ich es als Frau tun muss."
Von der katholischen Kirche und ihrem ausgewiesen intellektuellen Oberhaupt darf man indes erwarten, dass nicht die fehlenden Kinder in Europa beklagt werden, sondern die 30.000 Kinder, die laut UNICEF täglich irgendwo auf der Welt sterben, weil sie zu wenig zu essen haben. Ganz abgesehen von der längst fälligen Gleichberechtigung der Frauen auf allen Ebenen der Organisation katholische Kirche, die außerdem ein Schritt sein könnte, die Diskriminierung der Väter im Verständnis von Elternschaft zu beseitigen.
(Quelle)
