Verlorene Kinder – Entkinderte Väter
...Nun wird, trotz des neuen Scheidungsrechts, das keine Schuldfrage mehr kennt, schmutzige Wäsche gewaschen. Es geht um das Kindeswohl. Das gerät in die Mangel.
Die Richterin ist überfordert. Sie soll, wofür Gerichte an sich geschaffen sind, ein Urteil fällen und will es nicht. Da kommt ihr der Umstand zugute, dass dreierlei für die Mutter spricht: Eines der Jugendämter hat sich für die Kindesmutter ausgesprochen und der Gutachter auch. Das sind schon zwei gute Gründe, die legt sie in die Waagschale der Gerechtigkeit. Die senkt sich zugunsten der Mutter. Der dritte und entscheidende Grund: Es ist gerichtsnotorisch und herrschende Rechtsauffassung, dass Väter die schlechteren Eltern sind und Mütter die besseren Väter. Die Schale der blinden Justitia knallt auf den Boden. Die Kinder fallen nicht ins Gewicht.
Der Junge und das Mädchen, knapp über vier und zwei Jahre alt, werden vor Gericht geladen. Er trägt die Jüngste auf seinem Arm und hält den Sohn an der Hand. Die bohrenden Blicke der Richterin suchen nach Disharmonien. Die Kinder spüren die Argusaugen und schmiegen sich ängstlich in die Umarmung des Vaters.
Die Kinder gehören zur Mutter! Das Urteil ist gefällt: Sie können sie alle vierzehn Tage besuchen...
Die Kinder leben in Hamburg und er ist in Berlin. An jedem zweiten Wochenende fährt er in die andere Stadt, seine Kinder zu sehen. Spannung liegt in der Luft. Die Eltern wortlos gereizt, die Kinder eingeschüchtert, nervös. Die Eltern blicken einander nicht an, die Blicke der Kinder wechseln zwischen Mutter und Vater. Er nimmt die Kleine auf den Arm, den Jungen an die Hand. Sie schreiten die Treppe hinunter. Die Kinder blicken zurück. Er blickt nach vorne, Fehltritte zu vermeiden. Er führt die Kinder hinaus. Wohin? Sie wollen zu McDonald´s. Dort fährt er sie hin. Er raucht noch hastig eine Zigarette im Freien, wirft die halbe Kippe zu Boden, tritt deren Glut mit der Schuhsohle seines rotierenden rechten Fußes auf dem Kopfsteinpflaster aus. Dann kehren die Geschiedenen in das Kinderparadies ein. Er bestellt für die Kleinen Pommes frites mit Ketchup und Majo. Für sich ordert er nichts. Gelangweilt stochern die Geschwister im Teller. Der Vater ist bemüht, deren Aufmerksamkeit bis zur eigenen Übermüdung zu wecken. Sie sind bemüht, den Vater nicht zu enttäuschen. Er ist enttäuscht. Die Kinder sind enttäuscht. Zwischen den Generationen bäumt sich eine stumme Klagemauer auf. Sprachlos trägt jeder von ihnen Trauer in sich. Sie schauen einander mit müden Augen an. Trennung liegt in ihren Blicken. Er bringt seine Kinder zurück. Vor der Wohnungstür ihrer Mutter hockt er sich zum Abschied von seinen verlorenen Kindern nieder, sie zu umarmen. Sie werfen sich ihm an den Hals, klammern sich an ihn, wollen ihn nicht loslassen. Er würde sie nie loslassen wollen. Aber die Zeit lässt sich nicht anhalten. Erbarmungslos rinnt sie davon. Verlangt eine Entscheidung. Ent-Scheidung! Sie können, obgleich sie es wollen, nicht ewig in dieser Umarmung verharren. Sie müssen sich trennen. Er befreit sich mit kräftigem Handgriff aus ihrer Umklammerung, grätscht ihre Arme auseinander, hält ihre Hände fest, gibt ihnen einen Kuss auf die tränenfeuchten Wangen, erhebt sich wieder und klingelt an der Wohnungstür. Die Tür wird geöffnet. Er kehrt ihr den Rücken. Wortlos steigt er die Treppenstufen hinab. Seine Kehle ist trocken, das Gesicht verspannt, die Augen verschwommen. Hinter sich hört er Kinderstimmen. Sie rufen: Papa!
Er hört sie noch immer rufen...
Er verzichtet auf das fragwürdige Recht, seine Kinder wie Tiere im Zoo alle vierzehn Tage für ein paar Stunden besichtigen zu dürfen. Um der Kinder Willen!
Die Kinder, vom Vater getrennt, auf Nimmerwiedersehen. Der entkinderte Vater zog sich aus ihrem Blickfeld zurück. Wollte sie davor bewahren, zerrissen zu werden zwischen streitenden Eltern und zahlte dafür den Preis, sie als Kinder verloren zu haben. Wer je ein Kind verlor, ob Mutter oder Vater, wird nachzuempfinden vermögen, wie schmerzlich diese Trennung die Seele zerreißt. Wie blutig die Wunde bleibt, die sich nicht schließen kann....
Vaterlose Kinder, die, da sie erwachsen sind, den Weg zu ihm nicht finden. Sie haben sich alle, auch er, auf ihren Umlaufbahnen verirrt und finden den Weg nicht zueinander zurück. In unerschöpfliche Tiefen der Seele verdrängt, haben sich ihre Gefühle füreinander verloren. Die Kinder rufen nicht mehr. Er aber hört noch immer ihre flehenden Stimmen, dem Lichtecho längst erloschener Sterne gleich.
Aus: Nandinda, „Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie“ (Erzählung), Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009 ISBN 978-3-940490-54-4
Der 15. Senat des OLG Celle befindet vatersein.de
in den Verfahren 15 UF 234/06 und 15 UF 235/06
als "professionell anmutend".
Meinen aufrichtigen Dank!
