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Die Gesichter des jungen Bastian aus Emsdetten

 
(@Muckebruder)

Hab heute einen intersannten Artikel gefunden!

Viele Wege, Möglichkeiten und irgendwann eine falsche Abzweigung: Wer war der Amokläufer von Emsdetten?

Von Armin Lehmann, Emsdetten

Margarete P., 71, will ihren Enkel aufhalten. Er ist schon aus der Doppelgarage raus, in der die Familie oft Feste feiert. Aber jetzt hat Bastian B. den Autoschlüssel der Oma. Sie ruft: „Bastian, bleib doch hier.“ Sie weiß, er hat keinen Führerschein. Sie weiß, morgen muss er nach Rheine zum Gericht wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Sie sieht, wie der schwarze Opel Astra die Dannenkampstraße in Richtung Innenstadt fährt. Sie ahnt, etwas Furchtbares wird geschehen.

Es ist der Tag, an dem ihr Enkel schwer bewaffnet mit Messer, Sprengstoffgürtel, Rohrbomben, Vorderladerwaffen, Kleinkalibergewehr zu seiner Schule fahren und 37 Menschen verletzen wird. Es ist der Tag, an dem Emsdetten im Münsterland in Angst und Schrecken versetzt wird, und an dem sich Bastian B. durch einen Schuss in den Mund selbst tötet.

In den vergangenen Tagen hat man einiges erfahren über diesen Bastian und seine mutmaßlichen Motive. Diese Geschichte versucht nicht, das Bild gänzlich neu zu zeichnen, aber vielleicht gibt sie ein paar Hinweise mehr, die einen Einblick gestatten in Bastian kurzes Leben.

Diese Geschichte beruht zu einem großen Teil auf den Angaben eines nahen Familienmitglieds. Der Mann, nennen wir ihn H., will nicht mit seinem Namen auftauchen in dieser Geschichte, um die anderen zu schützen. Das muss man verstehen, denn der Familie geht es schlecht. Der Vater hat nach dem Amoklauf wohl einen Herzinfarkt erlitten, die Großeltern, die Geschwister und die vielen nahen Angehörigen stehen unter Schock. Auch die Schule schweigt, überfordert vom Andrang der Medien. Die Schulleiterin sagt: „Bitte verstehen sie uns, wir haben noch Kinder, die plötzlich zusammenbrechen und Hilfe brauchen. Wir brauchen Zeit.“

Diese Geschichte hat Lücken, aber sie will eine Frage beantworten: War Bastian ein hoffnungsloser Einzelfall, ein typischer Verlierer? Der renommierte Jugendforscher Wilhelm Heitmeyer sagt, es gibt keinen Typus eines Verlierers, weil es immer Weggabelungen gibt im Leben, an denen sich Menschen entscheiden können. Wo waren Bastians Kreuzungen?

H., der Margarete P. seit seiner Jugend kennt, sagt: „Als der Junge davonfuhr, ist ein Teil ihres Lebens davongefahren. Sie hat gewusst, dass nichts mehr so sein wird wie früher.“ Dazu muss man wissen, dass die Oma seit 44 Jahren in diesem Backsteinhaus lebt. Ihr Mann, Opa Alfred, hat es selbst gebaut, zusammen mit H. und anderen. Später haben sie erweitert auf zweieinhalb Stockwerke, Buchsbaum und Nussbaum davorgepflanzt. Ein echtes Generationenhaus. Unten die Großeltern, oben Kinder und Enkel. Und in der unmittelbaren Umgebung die gesamte andere Familie, die alle wie „Pech und Schwefel“ zusammenhalten, sagen Freunde.

Früher hat Opa Alfred über Mittag immer im Sessel geschlafen. Nur Bastian darf den Opa Alfred wecken, er ist Opas Liebling, lässt nichts auf ihn kommen, obwohl auch er ahnte, sagt H., dass irgendetwas nicht stimmte. 2005 stirbt der Opa an Lungenkrebs. Es ist ein Einschnitt auch in Bastians Leben, denn in diesem Jahr, davon wird hier noch zu berichten sein, hat er wohl beschlossen, Rache zu üben.

Vielleicht war es ja der Gedanke an seine Familie, die ihn eine Weile zurückhielt. In seinem Tagebuch schreibt Bastian zwei Tage vor dem Amoklauf: „Bitte helft meinen Eltern, meiner Oma, meiner Schwester und meinem Bruder. Ich liebe sie! Und ich hasse mich dafür, dass ich ihnen wehtue.“ Trotzdem hat er sich ihnen nicht anvertraut, haben sie seine Zeichen übersehen?

Vor zwei Jahren ist Bastian mit seinen Geschwistern bei einem Onkel zu Besuch. Der Onkel wohnt nicht in Emsdetten, und weil er selbst keine Kinder hat, ist er immer spendabel. In einem großen Geschäft dürfen sich alle drei etwas aussuchen. Bastian sagt: „Ich will ein Luftgewehr.“ Der Onkel, ein Pädagoge, stutzt. Er antwortet: „Du kannst alles haben, nur das nicht.“ Der Onkel redet mit dem Vater, er sagt: „Irgendwas stimmt nicht mit dem Jungen.“ Der Vater nickt. Alle sagen das in der Familie, hinter vorgehaltener Hand, doch die offene Aussprache scheut man.

Zu dieser Zeit, es ist 2004, ist Bastian längst ein Problemfall, der über die Familie hinausreicht. Zweimal in der Schule sitzen geblieben, Außenseiter, Aussteiger aus der Klassengemeinschaft. Dann besucht er die 9. Klasse. Und in einem Internet-Chatroom schreibt Bastian an einen virtuellen Freund, mit dem er damals ziemlich häufig kommuniziert: „Die Scheiße hat sich gelegt, wie ein Sturm der alles zerfetzt und nur noch ein Regen ist. Damals war es schlimmer, das 5-8 Schuljahr war das extremste ... Doch die Wunden sind geblieben, nicht nur körperliche, nein, meist seelische Wunden, und die Frage: Warum hat man das getan quält mich noch heute. Die meisten wissen es nicht, dachten, ich ging jeden Tag zur Schule, mache nicht mit und geh wieder nach Hause. Das einzigste Mal das etwas wirklich nach aussen drang, war als man mir einen glühenden Fahrradschlüssel auf die Hand presste ... da hat der Schulleiter Anzeige erstattet. Von den anderen Dingen wollte niemand was sehen oder sie hat niemand gesehen.“

Wenn das stimmt, dann ist Bastian lange vor dem Jahr 2004 an die erste, große Weggabelung gekommen. An dieser Stelle, für diese Zeit, gibt es aber keine Quellen aus der Familie, ein Lehrer sagt: „Wissen Sie, das ganze Gerede von Mobbing ist totaler Quatsch.“ Er habe Bastian unterrichtet, die Klasse habe ihn in Ruhe gelassen, so wie er es wollte. Bastian sei der Verweigerer gewesen, habe nicht teilgenommen an Klassenreisen. Aber der Lehrer hat Bastian erst in Klasse acht übernommen, über die Zeit vorher, sagt er, wisse er nichts.

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget schrieb von der „Magischen Phase“, in denen Kinder bis zum 12. Lebensjahr fast nur in einer Phantasiewelt leben. Vieles, was in der realen Welt passiert, wird als Ritual, Symbol oder Zeichen gedeutet. Ein Kind glaubt etwa, weil es in Gedanken sauer auf die Mutter war, ist diese gestürzt und hat sich ein Bein gebrochen. Der Kinderpsychologe Christian Lüdke hält es für möglich, dass Bastians Mobbing-Erlebnisse ihn in dieser Zeit besonders geprägt und besonders verschlossen haben. „Er hat sich den Eltern sehr wahrscheinlich nicht offenbart.“ Stattdessen suchen sich die Heranwachsenden andere Helden. In der Phantasie, im Fernsehen, im Internet. Selbst für die Familie bleibt die Welt der Kinder meist verschlossen. „Kommt es in dieser Zeit zu einer Persönlichkeitsstörung, verfestigt sie sich“, sagt Lüdke.

Erst in der 9. Klasse beginnt Bastian, sich radikal von den Mitschülern zu entfernen, er ist durch das Sitzenbleiben zwei Jahre älter. Er schreibt dem Chatpartner: „Die Tatsache das ich älter bin macht die Sache leichter, es ist nicht mehr wie in der alten Klasse in der ich gedemütigt wurde. Nur das sind alles so Vollidioten; Entweder Spaßkinder oder Halbstarke Kiffer die sich für die größten halten.“

In der Familie sprechen sie häufig über Bastian, mit seinen schwarzen Klamotten passt er nicht ins Bild der Familie. Sie ist bodenständig, der Vater „der beliebteste Briefträger in der Stadt“, sagt man. Bastians Vater ist im Schützenverein, wird zweimal Schützenkönig, aber er spielt lieber Fußball und joggt leidenschaftlich. Der Vater schont sich nicht, dabei ist sein Knie kaputt, die Hüftgelenke auch. Der Vater ist kein Jäger, wie es heißt, sagt H., er hat Bastian auch nicht zum Schützenverein mitgenommen. Waffenliebe liegt nicht in der Familie. Bastian will nicht Fußball spielen wie der jüngere Bruder und die jüngere Schwester , nicht joggen. Er trainiert für eine Art Kriegsspiel in freier Natur: Es heißt Airsoft. Hier will er zeigen, dass er zum Helden taugt.

Das Spiel, die Begegnung beim Airsoft, heißt auch Skirmen, ein altgermanisches Wort für Fechten oder Kämpfen. Mit detailgetreuen Nachbildungen aller Waffenarten treten Jugendliche im Wald gegeneinander an. Es gibt Vereine, man verabredet sich, streift sich Armeekleidung wie ein Fußballtrikot über, steckt die Papiermunition in die Waffen, und dann muss man den Gegner ausschalten. Ein Treffer macht nur einen roten Fleck, sofern man sich an die gesetzlich zugelassene maximale Mündungsenergie von 0,5 Joule hält. Bastian trainiert viel, vor dem Computer sitzt er zum Chatten. Und zum Lernen – wie man sich kleine Bomben baut.

Der Vater macht sich Sorgen, es ist nicht so, dass niemandem etwas aufgefallen wäre. Er fragt den Onkel außerhalb Emsdettens, ob er nicht mal mit dem Jungen reden könne. „Ich komme nicht an ihn ran.“ Der Junge bemerkt die Unruhe, er wundert sich und schreibt im Chat: „Seit wann interessieren sich die für mich.“ Der Onkel redet mit ihm und findet: „Der hat sich nicht verweigert.“ In der Schule gibt es Gespräche mit dem Klassenlehrer, die Eltern gehen regelmäßig zu den Elternabenden, der Klassenlehrer empfiehlt einen Schulpsychologen. Bastian will nicht.

Im Internet findet er eine interessantere Gesprächspartnerin, sie nennt sich „entfremdete“. Sie ist älter als Bastian, 21, ihr erzählt er alles, sie gibt Ratschläge, sie empfiehlt ihm Bücher und Gedichte von Erich Fromm oder von Franz Kafka. Sie schreibt: „Solange du dich nicht von anderen kaputt machen lässt, ist viel gesichert ... solange man ganz allein da steht ist diese verdummung schwer auszuhalten, ich mein vor allem psychisch, dann sieht man irgendwie nur noch den gegensatz zwischen ihrer welt und der eigenen, wobei es sicherlich wichtiger ist, sich seine eigene aufzubauen und seine persönlichkeit in ihr frei zu entwickeln und sich von den andern nicht hemmen zu lassen ...“

Entfremdete gibt Bastian Ratschläge, wie er mit denen umgehen soll, die er hasst: „Mit der Zeit diese stärke zu entwickeln is wichtig (idioten einsperren oder aus dem weg räumen bringt bei der großen zahl nix) und das braucht zeit. die zeit dagegen die du ihnen einräumst, hält sie mit am leben. und die hast du dann wiederum weniger für dich ... das ist bloßes re-agieren, kein agieren, wenn du verstehst ...“

Man weiß nicht, wie Bastian diese Sätze interpretiert hat. Es gibt einen Hinweis in seinem Abschiedsbrief, dass er für alle Ausgestoßenen gehandelt habe. So sieht er sich. Als Ausgestoßener, der ein Recht auf Rache hat.

Zunächst aber ist er unglücklich verliebt. Er sagt es der Familie nicht, er schreibt es an „entfremdete“, Nadine sei der Grund für sein Unglück. Nadine verliebt sich in seinen besten Freund, nicht in ihn. Dann stirbt der geliebte Opa. „Es gibt keinen Gott“, schreibt Bastian und stürzt sich in seine Waffenspiele, experimentiert mit einem Freund an selbst gebauten Nagelbomben, bestellt sich Pistolen aus dem Internet, dreht Gewaltvideos mit dröhnender Punkmusik.

Die düsterste Zeit beginnt, der Vater hat mit seinen gesundheitlichen Problemen zu tun, die Oma mit dem Tod des Mannes. Er schreibt im Tagebuch: „Was habe ich denn jetzt noch zu verlieren. nichts. ich werde den rest meines lebens ein abgefuckter looser sein.“

Das ist seine Wahrnehmung. Doch noch immer scheint alles einen guten Ausgang nehmen zu können. In der Realität nämlich schafft Bastian seinen Abschluss mit guten Noten. H. sagt, Bastian „wollte zur Bundeswehr, aber nicht in den Krieg“. Er wartet darauf, dass sich die Bundeswehr meldet, jobbt im Baumarkt. Im Juni 2006 wird er angezeigt wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Er soll einen Jungen mit einer Waffe bedroht haben. Der Traum von der Bundeswehr, vorbei. Er hadert: „Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, und mit dem Wissen, dass ich nun habe von vorne beginnen.“

Aber er rennt weiter auf seinem Weg. Es gibt jetzt keinen Hinweis auf einen bestimmten Auslöser für den Amoklauf, es gibt nur den Verdacht der Psychologen, dass sich die zwei Persönlichkeiten Bastians überlappt haben müssen: Der Böse, der Rache will, und der Gute, der weiß, dass er etwas hätte ändern können an der Entwicklung und der Hilfe sucht. Die dunkle Seite gewinnt. Bastian will „ein verdammter Held“ sein, wie er schreibt.

Der letzte Mensch, den Bastian sieht, bevor er in den ersten Stock der Schule rennt, so berichtet es H., ist sein Bruder Dennis. Bastian hält einer Schülerin eine Pistole an den Kopf, Dennis kommt und sagt: „Was soll das, was tust du?“ Bastian lässt ab von dem Mädchen, hetzt weiter. Behörden sagen, es habe keine Toten gegeben, weil die Polizei schnell war. Psychologe Lüdke glaubt, dass es Dennis war, der seinen Bruder, Angesicht zu Angesicht, ein Stück weit aufgerüttelt habe.

In seinem Abschiedsvideo sagt Bastian: „Ich war kein Mensch, ich war göttlich"

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/24.11.2006/2919135.asp


Zitat
Geschrieben : 25.11.2006 13:41