Liebe Leser,
Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll - vielleicht gehört es auch gar nicht hierher...
Meine Schwester ist vor zwei Monaten an Krebs gestorben. Die beiden Kinder (zwei Mädchen, 8+10) leben seit vier Monaten bei meinen Eltern, also ihren Großeltern. Der Papa lebt 70 km entfern in einer Großstadt, am Wochenende (Fr-So) kommt er zu den Kindern oder holt sie zu sich; je nachdem, was anliegt.
Ich habe jetzt eine Entwicklung erlebt, von der ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Meine Mutter redet immer wieder von "ihren Kindern", der Papa wurde wiederholt übergangen oder auch Absprachen oder Festlegungen von ihm bewusst ignoriert bzw. nicht eingehalten. Aber er würde meinen Eltern nie widersprechen; so ist er nun einmal erzogen (er kommt aus Nigeria, dort haben die älteren Familienmitglieder das Sagen).
Ich habe das Gefühl, daß es nicht gut ist, wenn die Großmutter versucht, eine Mutterrolle zu übernehmen. Auch wenn ich gut verstehen kann, daß sie das der gestorbenen Schwester gegebene Versprechen, sich gut um die Kinder zu kümmern, aus tiefstem Herzen erfüllen möchte. Ich hab schon vorsichtig darauf hingewiesen, daß es nicht ihre Kinder, sondern ihre Enkel sind; und auch, daß ich es nicht gut finde, den Papa zu übergehen. Nun hat es nach "schleichendem Dissenz" richtig Streit gegeben, als ich bat, die Entscheidungen des Papas zu respektieren, schließlich hat er noch immer Sorgerecht. War wahrscheinlich etwas unsensibel. Meine Mutter fühlt sich nun zutiefst verletzt, schließlich habe sie schon ein halbes Jahr Sorgerecht! (Hat sie nicht - sie hat Vollmachten.) Mir geht es auch nicht darum, welche Rechte sie nun hat oder nicht, sie kümmert sich um die Kinder; und das ist auch gut so. Allerdings scheint das für mich ein weiteres Steinchen in diesem Mosaik zu sein, daß sie sich zu sehr hineinsteigert... Ich seh das, so, daß in der schwierigen Phase es absolut notwendig war, dass sie geholfen hat; aber irgendwann sollten die Kinder auch wieder zu ihrem Vater zurück. Offensichtlich scheint sie ihm nicht zuzutrauen, daß er mit den beiden klar kommt...
Was meint ihr dazu - sehe ich das überzogen?
Beste Grüße,
Tabaluga
Besiege Eile mit Langsamkeit.
Wie gesagt - er würde nie widersprechen. Nun hat sich ja seit den vier Monaten fast ein "Gewohnheitsrecht" herausgebildet... Ich kann mir schwerlich vorstellen, daß er gern die Woche über allein in seiner Wohnung sitzt. Natürlich will er seine Kinder bei sich haben, andernfalls würde ich mich sehr in ihm täuschen. Aber genauso natürlich ist es auch eine Riesenumstellung im kompletten Leben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit ihm drüber reden soll. Sonst sieht es nachher noch so aus, als würde ich ihn aufstacheln, meiner Mutter ihre "neuen" Kinder wieder wegzunehmen...
Beste Grüße,
Tabaluga
Besiege Eile mit Langsamkeit.
Hallo,
möglicherweise braucht Deine Mutter psychologischen Beistand. Sie hat ihre Tochter verloren. Das sollte man in den Fokus rücken (aus ihrer Sicht!) und ihr die Zeit geben zu trauern und zu erkennen, dass IHR KIND tot ist. Es ist einfach nicht die "richtige Reihenfolge", wenn die Kinder vor den Eltern sterben. Die Kinder Deiner Schwester werden eine große Aufgabe und Halt zugleich sein. In ihr lebt ja ihre Tochter weiter, ich kann schon verstehen, dass sie diesen Teil nicht verlieren will und auch im egoistischen Schmerz nicht in der Lage ist, zu sehen, dass sie damit wohlmöglich Schaden anrichtet.
Vielleicht kannst Du es in die Richtung lenken, dass Du sie zum Reflektieren bewegen kannst:
Hätte X gewollt, dass Du Ersatzmutter bist?
Wollen die Kinder eine "neue Mutter" und damit gleichzeitig Mutter UND Oma verlieren?
Ist es gut, wenn die Kinder nach der Mutter auch den Vater verlieren?
In Deinem Herzen werden A und B X nie ersetzen können, denn sie sind Deine Enkel, nicht Deine Tochter.
Ich denke, sie muss dringend Raum zum Trauern haben, damit die große Aufgabe nicht eine Art Pflaster wird. Ist sie gläubig? Kann sich der Pfarrer / Pastor kümmern? Hat sie eine enge Freundin, die ihr eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche verabreichen kann? Wenn nicht, gibt es einen Hausarzt, den Du ins Vertrauen ziehen könntest?
Dir mein Beileid zum Tod Deiner Schwester!
LG LBM
"Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst."
Moin Tabaluga,
ich denke, es muss auch ein anderer Umstand berücksichtigt werden; Du schreibst über Deinen Schwager:
er kommt aus Nigeria, dort haben die älteren Familienmitglieder das Sagen
Dieses westafrikanische Land ist ein komplett anderer Kulturkreis mit einer deutlich anderen Rollenverteilung und einem anderen Elternverständnis als in Mitteleuropa üblich. Würde der Vater denn die hauptverantwortliche Betreuung seiner Kinder übernehmen wollen - und würde er es wirtschaftlich und inhaltlich überhaupt können? Könnte er dafür an den Wohnort Deiner Mutter ziehen - oder müssten die Kinder dafür in eine fremde, grossstädtische Umgebung wechseln? Nicht zuletzt: Was würden die 8- und 10-jährigen (und damit nicht mehr ganz kleinen) Kinder selbst dazu sagen?
Die zu findende Lösung muss sich zuallererst am Wohl der Kinder orientieren; nicht an den Wünschen der Erwachsenen.
Grüssles
Martin
When a mosquito lands on your testicles you realize that there is always a way to solve problems without using violence.
Am WE sehe ich die drei, da werde ich mich mal mit Papa unterhalten.
Die Kinder wurden in der Großstadt geboren und sind da aufgewachsen. Sie sind erst seit Februar in unserer Kleinstadt.
Danke und ein schönes WE; ich melde mich am Montag wieder
Tabaluga
P.S. Gibt das JA einem Alleinerziehenden Vater Unterstützung? Wie könnte sowas aussehen? Oder lieber keine schlafenden Hunde wecken..??
Besiege Eile mit Langsamkeit.
Moin Tabaluga,
P.S. Gibt das JA einem Alleinerziehenden Vater Unterstützung? Wie könnte sowas aussehen? Oder lieber keine schlafenden Hunde wecken..??
da weckt man keine schlafenden Hunde; ein berufstätiger Witwer mit zwei betreuungsbedürftigen Kindern kann auf einige Hilfsangebote zurückgreifen; beispielsweise auf eine Familienhilfe. Ich würde allerdings nicht unbedingt als erstes beim Jugendamt anfragen, sondern beim zuständigen Bürgerbüro.
Grüssles
Martin
When a mosquito lands on your testicles you realize that there is always a way to solve problems without using violence.
Moin,
ehrlich gesagt ist das für mich persönlich wieder son Punkt, an dem ich mir meinen Teil denke... ein Gros der alleinerziehenden Mütter schafft das ohne Bürgerbüro und/oder Jugendamt. Ja, die Mutter ist verstorben, aber ich bin der Meinung, als Vater sollte er das im großen und ganzen allein hinkriegen. Die maßgeblichen Punkte sind:
1) Beantragung der Halbwaisenrente
2) Kinderbetreuungsplätze nach der Schule
3) ggf. psychologische Unterstützung zur Verarbeitung des Todes der Mutter.
Der Rest ist aber m. E. erst mal Papas Job, ich weiß nicht, wie sinnvoll es ist, da gleich nach staatlicher Unterstützung zu rufen.
LG LBM
"Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst."
