Hallo zusammen,
ich hoffe, ich bin hier im richtigen Bereich. Ich habe mich angemeldet, weil ich gerne Erfahrungen von Eltern hören würde, die eine ähnliche Situation bereits durchlebt haben, insbesondere, wenn es bereits zu einem Verfahren vor dem Familiengericht gekommen ist.
Zu meiner Situation:
Ich bin Vater einer knapp dreijährigen Tochter und lebe in Rheinland-Pfalz. Die Kindesmutter und ich leben seit mittlerweile zehn Monaten getrennt. Wir haben das gemeinsame Sorgerecht und praktizieren seit mehreren Monaten ein echtes 50:50-Wechselmodell.
Unsere Tochter verbringt abwechselnd jeweils eine Woche bei ihrer Mutter und eine Woche bei mir. Die Übergaben erfolgen größtenteils über die Kita. Das Modell funktioniert aus meiner Sicht sehr gut. Unsere Tochter fühlt sich bei beiden Eltern wohl, die Betreuung läuft zuverlässig und es gibt keine nennenswerten Probleme.
Ich bin voll berufstätig, habe einen sicheren und unbefristeten Arbeitsplatz und kann das Wechselmodell problemlos mit meinem Beruf vereinbaren. In meinen Betreuungswochen kümmere ich mich vollständig um unsere Tochter, von der Kita über Arzttermine bis hin zum gesamten Alltag. Mein Leben ist darauf ausgerichtet und aus meiner Sicht spricht derzeit vieles dafür, dass unsere Tochter bei beiden Eltern ein stabiles und verlässliches Zuhause hat.
Kurz nach unserer Trennung hat die Kindesmutter einen neuen Partner kennengelernt, der in Bayern lebt. Seitdem besteht bei ihr der Wunsch, mit unserer Tochter dorthin zu ziehen. Die Entfernung beträgt rund 600 km. Ich habe dem nicht zugestimmt.
Sie hat mir bereits schriftlich mitgeteilt, wie sie sich die Betreuung künftig vorstellt:
- zunächst nur noch etwa sieben Tage Umgang pro Monat,
- später, sobald unsere Tochter eingeschult wird, nur noch jedes zweite Wochenende sowie einen Teil der Ferien.
Für mich würde das bedeuten, dass das bisherige Wechselmodell praktisch beendet wäre und ich den Alltag mit meiner Tochter weitgehend verlieren würde.
Die Kindesmutter begründet den Umzug unter anderem mit:
- besseren beruflichen Perspektiven,
- familiärer Unterstützung,
- einer aus ihrer Sicht besseren Lebensqualität in Bayern,
- einem besseren Umfeld für unsere Tochter,
- besseren Zukunfts- und Bildungsmöglichkeiten.
Ich sehe das anders. Gute Perspektiven sind auch in der jetzigen Umgebung gegeben, da wir grenznah zu Luxembourg wohnen.
Ich habe große Angst, meine Tochter als festen Bestandteil meines Alltags zu verlieren. Durch das Wechselmodell ist unsere Bindung in den vergangenen Monaten sehr eng geworden. Der Gedanke, sie künftig nur noch an einzelnen Wochenenden und in den Ferien zu sehen, belastet mich sehr.
Ich habe inzwischen sowohl das Jugendamt informiert als auch meine Anwältin eingeschaltet, da die Kindesmutter bereits angekündigt hat, die Angelegenheit gerichtlich klären zu lassen.
Deshalb würde mich interessieren:
- Hat jemand von euch einen ähnlichen Fall erlebt?
- Wie haben Jugendamt, Verfahrensbeistand und Familiengericht argumentiert?
- Welche Punkte waren letztlich ausschlaggebend?
- Gab es bei euch trotz eines funktionierenden Wechselmodells eine Zustimmung zum Umzug?
- Oder wurde das bestehende Betreuungsmodell geschützt?
- Wie schätzt ihr meine Situation und meine Chancen aufgrund eurer eigenen Erfahrungen ein?
Ich freue mich über jede Erfahrung, unabhängig davon, wie das Verfahren ausgegangen ist. Mir geht es vor allem darum, besser einschätzen zu können, was mich möglicherweise erwartet.
Vielen Dank schon einmal fürs Lesen und für eure Antworten.
Lieber @SvenL,
wie die Richter im Einzelfall argumentieren, wird deine Anwältin, die das Gremium vor Ort hoffentlich kennt, am besten einschätzen können.
Dir empfehle ich, mit einem strikten Focus auf dem Kindeswohl zu argumentieren. Also immer aus der Sicht des Kindes. Eure Tochter hat das Recht auf die Fürsorge, die Sicherheit und den Schutz beider Eltern. Durch einen Wegzug der Mutter mit dem Kind sind diese Faktoren väterlicherseits ausgehebelt.
meine Tochter als festen Bestandteil meines Alltags zu verlieren.
Viel schlimmer, eure Tochter verliert den Vater als feste Bezugsperson. Sie wird aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Nachdem sie bereits vor kurzem die familiäre Trennung erleben musste.
Was gegen einen Wegzug eurer Tochter spricht:
- Kontinuität: Das Kind muss immer noch mit der Trennung und der damit verbundenen Auflösung des Familienkreises fertig werden. Sie hat sich gut an das Wechselmodell mit paritätischer Betreuung durch beide Eltern gewöhnt. Es ist ihr nicht zuzumuten, erneut einen massiven Bruch zu ertragen, der auch noch mit dem völligen Verlust des aktuellen Umfeldes (Vater, Kindergarten, Freunde, Familie, Bezugspersonen) einhergeht.
- Deine Ex kennt den neuen Partner gerade mal max. 10 Monate. Von einer gefestigten Partnerschaft kann keine Rede sein. In diese vage Hoffnung auf eine ungewisse Zukunft derartige Einschnitte für das kleine Mädchen zu begründen, entspricht nicht dem Kindeswohl.
- Der neue Partner kann bei entsprechender Ernsthaftigkeit auch in die Nähe deiner Ex ziehen, so dass die Kleine in ihrem gewohnten Umfeld bleiben kann.
- Deine Ex kann zu ihrem neuen Partner ziehen, während du die Hauptbetreuung eurer Kleinen übernimmst. Die Besuchsregeln können großzügig abgestimmt werden.
Können deine Ex und du noch vernünftig miteinander reden, gibt es Familie, Freunde vor Ort, die ihr ins Gewissen reden können? Weiß der Kindergarten Bescheid, wie hat die Kleine euer Trennung verdaut?
Das Vorhaben deiner Ex ist maßlos egoistisch, ich drücke dir die Daumen, dass sie nicht damit durchkommt!
Vielen Dank für deine ausführliche und hilfreiche Antwort.
Wenn ich mir deine Einschätzung und auch die bisherigen Antworten hier im Forum durchlese, habe ich zumindest nicht mehr das Gefühl, dass meine Chancen von vornherein aussichtslos oder gleich null sind. Das nimmt mir ehrlich gesagt etwas die Angst.
Mit der Kindesmutter vernünftig über dieses Thema zu sprechen, ist leider sehr schwierig. Ich habe über die letzten Monate immer wieder das gleiche Muster erlebt. Zunächst wird ein Wunsch ganz freundlich und unverbindlich geäußert. Wenn ich nicht zustimme, wird unsere Tochter in den Mittelpunkt gestellt und argumentiert, dass alles ausschließlich zu ihrem Wohl sei. Führt auch das nicht zum gewünschten Ergebnis, folgen Vorwürfe. Und wenn auch das nichts bringt, wird mit einem Gerichtsverfahren oder anderen Konsequenzen Druck aufgebaut. Dieses Schema habe ich leider schon mehrfach erlebt. Solange alles nach ihren Vorstellungen läuft, gibt es in der Regel keine Probleme.
Der Kindergarten weiß derzeit noch nichts von den Umzugsplänen. Was unsere Tochter betrifft, gibt es dort überhaupt keine Auffälligkeiten. Ich frage regelmäßig nach, wie sie sich entwickelt und wie sie mit der Trennung umgeht. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Man sagt mir, dass sie sich gut entwickelt, fröhlich ist und keinerlei Anzeichen zeigt, dass sie mit der aktuellen Betreuungssituation Probleme hat.
Genau deshalb fällt es mir so schwer nachzuvollziehen, warum sie nun erneut komplett aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden soll. Sie ist im Ausland geboren, wir sind erst vor knapp anderthalb Jahren wieder nach Deutschland zurückgezogen und nach kurzer Zeit kam bereits unsere Trennung. Dadurch musste sie bereits zwei Kita-Eingewöhnungen meistern. Jetzt stünde ihr aus meiner Sicht bereits der dritte große Einschnitt bevor.
Familie und Freunde befinden sich hier vor Ort. Auch meine Familie lebt hier. Das Verhältnis war in der Vergangenheit nicht immer einfach, wie es in vielen Familien vorkommt, aber unsere Tochter kennt ihre Großeltern und den Rest meiner Familie natürlich trotzdem. Meinen Freundeskreis habe ich ebenfalls hier, da wir ursprünglich von hier kommen.
Wie die Freunde der Kindesmutter zu ihren Umzugsplänen stehen, kann ich nicht beurteilen. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie mit vielen darüber noch gar nicht gesprochen hat.
Was mich letztlich am meisten beschäftigt, ist die Frage, warum ein gut funktionierendes Wechselmodell mit zwei eng eingebundenen Elternteilen zugunsten einer Lösung aufgegeben werden soll, bei der ich meine Tochter nur noch an einzelnen Wochenenden und in den Ferien sehen würde.
Nochmals vielen Dank für deine Nachricht
Servus SvenL!
Was mich letztlich am meisten beschäftigt, ist die Frage, warum ein gut funktionierendes Wechselmodell mit zwei eng eingebundenen Elternteilen zugunsten einer Lösung aufgegeben werden soll, bei der ich meine Tochter nur noch an einzelnen Wochenenden und in den Ferien sehen würde.Nun ja, aus Sicht der Mutter bist Du womöglich ersetzbar, zunächst als Lebensgefährte und wenn´s sein muss auch als Vater.
Du hast wohl schon Einiges gelesen, oft steht das persönliche Glück und damit verbunden auch Egoismus vor dem Wohl gemeinsamer Kinder, leider. In Deinem Fall zeigt es sich darin, wie selbstverständlich für KM die Mitnahme Eures Kindes ist anstatt z.B. über etwaige Auswirkungen auf Euer Kind oder über Umgangszeiten in BY zu denken...
Ich wünsche Dir und Eurer Tochter auf jeden Fall viel Erfolg bei der Findung einer für alle Beteiligte zufriedenstallende Lösung.
By the way: in Bayern mögen die Berufsaussichten gut oder besser sein, aber auch die relativ hohen Lebenshaltungskosten (vor allem in Ballungsgebieten) sind auch ein mögliches KO-Kriterium.
Grüßung
Marco
Mit einem Lächeln zeigst Du auch Zähne!
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Ob ein Vorhaben gelingt, erfährst Du nicht durch Nachdenken sondern durch Handeln!
