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Leben in der Großstadt

 
 AJA
(@aja)
Registriert

Wie kann man das aushalten?

Philosophische oder auch nur "blöde" Gedanken, die mir seit heute Mittag so durch den Kopf gehen...

20 Jahre habe ich in München gewohnt und diese Hektik mitgemacht, die ich heute wieder erlebt habe ohne groß darüber nachzudenken.

Seit über 13 Jahren wohnte ich nun erst in einem Miniaturdorf mit 25 Häusern, seit drei Jahren immerhin in einer Kleinstadt mit ca. 40.000 Einwohnern. Immer wieder habe ich mit dem Gedanken gespielt, vielleicht mal irgendwann wieder nach München zurück zu gehen, zumal meine Große Großstädte gerade super cool findet.

Aber das heute hat mich doch absolut wieder vom Gegenteil überzeugt  :wink:. Bahnsteige, schwarz vor Menschen, in U- und S-Bahn ein einziges Gedrängel. Menschen, die auf langen Rolltreppen nicht einfach warten, bis diese oben ist, sondern im Laufschritt nach oben hechten. In den Kaufhäusern Gedrängel, als gäbe es morgen nichts mehr. In der Fußgängerzone ein Abenteuer von rechts nach links gehen zu wollen und nicht im Strom zu schwimmen.

Meine Mutter, die der Anlaß des München Besuchs war (diesmal halt nicht in ihrer ruhigen beschaulichen Wohnung, sondern verbunden mit "shopping" für die Kinder) hat sich verständnislos geäussert. Warum ich so genervt wäre, ich sei wohl nichts mehr gewohnt.

Ne, muss ich sagen, bin ich nicht und ich kann mir auch nicht vorstellen, mich daran jemals wieder gewöhnen zu können.

Ich geniesse, dass ich in unserem Minikaff selten mehr als zwei Ampelphasen brauche, um weiter zu kommen. Ich geniesse, dass ich mit drei Kindern in ein Kaufhaus gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass eins von der Menge in eine andere Richtung gedrückt wird und ich es aus den Augen verliere. Ich geniesse, dass ich in der Fußgängerzone immer Leute treffe, die ich kenne, und die für zwei, drei Sätze smalltalk Zeit haben.

Ich meine, ich hab hier auch meinen "Streß", ich habe hier auch meine Termine. Aber insgesamt gesehen ist das Leben hier weit ruhiger als in einer Großstadt.

Ist mir noch nie so bewusst gewesen und auch erst durch die Bemerkung meiner Mutter richtig bewusst geworden.

Der Stress in einer Großstadt ist ein anderer als in einer Kleinstadt.

Teilt diese Meinung jemand, oder habt ihr da komplett andere Empfindungen? Vielleicht bin ich ja wirklich zu "empfindlich", wie meine Mutter meinte.

Gruß AJA


Zitat
Themenstarter Geschrieben : 23.11.2006 00:44
(@schmusepapa)
Registriert

Hallo Aja,

Der Stress in einer Großstadt ist ein anderer als in einer Kleinstadt.

Nicht der Stress, eher die Hektik und der Trubel. Und das besonders am Tage.
War schon lange nicht mehr in München, aber früher waren so ab spätestens 22 Uhr abends die U-Bahnen recht leer, so dass ein Sitzplatz kein Problem mehr war. Und auch die Rolltreppen und Bahnsteige waren eher "beschaulich" leer.

Vielleicht bin ich ja wirklich zu "empfindlich", wie meine Mutter meinte.

Ich denke nicht zu empfindlich, es ist für dich ungewohnt. Vielleicht bist du auch nicht mehr so flexibel wie früher?

Großstadtleben ist halt anders wie das Leben auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt. Dir fehlt die Großstadt nicht, du bevorzugst ruhigere Gegenden. What's the problem? Frau wird älter, ruhiger, "Party all the time" braucht man(n)/frau nicht mehr so wie früher.

Gruß

Martin


AntwortZitat
Geschrieben : 23.11.2006 01:03
 AJA
(@aja)
Registriert

Hi Martin,

Frau wird älter, ruhiger,

:rofl2: :rofl2: :rofl2: :rofl2:

Da kipp ich grad vom Stuhl. Meine Mutter ist 29 Jahre älter als ich und immerhin schon 75!

Immer noch lachend AJA

Edit: sorry Martin, fairerweise muss ich noch ein Edit hinzu fügen.

Mir wurde heute einfach klar, was ich in meinem "früheren" Leben so ganz ungefragt und ohne drauf zu schauen, mit gemacht habe. Es war ein einziges Gerenne. So, wie es die Menschen dort auch heute noch tun. Ich höre das auch immer wieder aus Erzählung von meiner Mutter aus der Nachbarschaft. Es ist eben so wie es ist, und keiner denkt darüber nach, dass es auch anders sein könnte. Sicher gibt es auch in München die beschaulichen Viertel, wie auch meine Mutter wohnt. Dennoch sind sie alle miteinander in diese Hektik involviert. Und sie empfinden das als normal (wie auch ich das getan habe) und haben keinen Plan darüber, dass es auch ganz anders gehen könnte.

Mich macht das einfach traurig. Mehr als ein Kind ist in einer Großstadt schon finanziell kaum zu bewältigen. Bei meiner Mutter im Haus lebt eine Familie mit zwei Kindern, da muss die Mutter einfach mit ran. Konsequenz: die Kinder sind stundenlang allein, denn ein Babysitter ist zu teuer. Gute Fügung, dass meine Mutter als gute Oma für alle da wohnt, die dann auch immer wieder ein Auge auf die Kinder haben kann.

München ist anerkannte Singlestadt. Einziges Bestreben: Geld, Karriere. Aber ist das wirklich das Leben?

Bei uns gibt es zugegebenermassen viele Hartz IV Fälle. Aber in einem unterscheidet es sich: hier hat "man" Zeit für die Kinder. Hier gibt es einfach andere Prioritäten.

Das würde mich mal interessieren, ob das ein generelles Großstadt - Kleinstadt - Problem ist, oder ob da nur ich so drüber denke.

Gruß AJA


AntwortZitat
Themenstarter Geschrieben : 23.11.2006 01:06
(@sonntagspapa)
Schon was gesagt Registriert

Hallo AJA,

Da muss ich als gebürtiger Münchner doch massiv widersprechen:

München ist anerkannte Singlestadt. Einziges Bestreben: Geld, Karriere. Aber ist das wirklich das Leben?

Zunächst einmal ist es in der Tat nicht so, dass 1,3 Mio Münchner ausschliesslich Porsche fahren, sich Geld und Karriere hinterherhechten und im P1 (=Nobel-Disco) herumhängen. Da ist nämlich einfach zu wenig Platz drin.

Bei uns gibt es zugegebenermassen viele Hartz IV Fälle. Aber in einem unterscheidet es sich: hier hat "man" Zeit für die Kinder. Hier gibt es einfach andere Prioritäten.

Die Problematik, die sich stellt, wenn beide Elternteile berufstätig sind, ist nicht allein auf die Isar begrenzt. Und wenn beide Elternteile die Möglichkeit (und vor allem das Glück) haben, einem Beruf nachzugehen, sollten sie dies in Zeiten von knapp 5 Mio Arbeitslosen auch tun. (Und ich habe das Glück, dass sich meine Ex nicht auf der Couch ausruht, sondern auf eigenen Füssen stehen will.)
Egal, ob in München, Hamburg, Elmshorn oder Donauwörth.

Dass Kinder am meisten von anderen Kindern lernen, ist ebenfalls kein Novum. Ja, und auch deswegen ist meine Tochter (3) in einer KiTa von 09:00 - 16:30 Uhr. Der Sprung, den sie gemacht hat, seitdem sie dort ist, ist enorm. es geht hier um den Erwerb von Fähigkeiten, die meine Ex und ich - würden wir die Kleine zu Hause betreuen -  überhaupt nicht vermitteln könnten. Abgesehen davon, dass sie einfach wahnsinnig gerne in den KiGa geht!
Ausserhalb dieser Betreuungszeiten bleibt quantitativ natürlich weniger, qualitativ aber sicher mehr Zeit für die Kleine. In dieser Qualität liegt übrigens auch meine Priorität (meine ich nur, weil Du den Begriff hereingebrachht hast 😉

Die Frage nach der Art der Kinderbetreuung (zu Hause oder nicht) ist nicht nur auf München beschränkt. Und Du wirst lachen: ich kenne tatsächlich Münchner Elternteile, die ihre Kinder zu Hause betreuen. Ist - wie alles - einfach Ansichtssache, und jeder möchte es eben richtig machen.

Bezüglich der von Dir angesprochenen Hektik: natürlich ist das Leben in der Großstadt schneller als auf dem Land. Oder das Leben auf dem Land ist langsamer als in der Großstadt. Wie man es eben will. Nur reduziert sich diese Frage auch wieder auf die Geschichte von der Landmaus und der Stadtmaus.

Ich persönlich muss sagen, dass ich diese "Hektik" nicht als solche empfinde. Denn: Hektik ist das, was man daraus macht. Bin aber auch wirklich ein Großstadtmensch. Und immerhin gilt noch der Spruch von Eugen Roth:
"Vom Ernst des Lebens halb verschont
ist der schon, der in München wohnt".

In diesem Sinne

SonntagsPapa
(der übrigens im Zentrum wohnt, aber nicht im beschaulichen Viertel 😉


AntwortZitat
Geschrieben : 23.11.2006 20:01