„Tschüs, Papa!“. Gerade hatte es geklingelt - eine halbe Stunde früher als vereinbart. R. war schon eine Stunde vorher nervös durch die Wohnung gelaufen. Er hasste diese Warterei! Besser war es für ihn, den Kleinen selber wegzubringen. Lukas hatte die Türe geöffnet, eilig seine Sachen aufgenommen und aus der Wohnung gebracht, weil es von unten getönt hatte: „Ich komme hoch!“ „Warte doch, ich komme mit nach unten und helfe dir!“, hatte sein Papi gesagt, aber der Kleine sagte nur: „Ich will nicht, dass ihr euch schon wieder streitet!“ Da stand sie schon auf dem Treppenabsatz des obersten Stockwerks, wo der Vater wohnte, blieb stehen, strahlte Lukas an, der mit allen seinen Sachen auf sie zulief - wohl auch, um zu vermeiden, dass es zu einem Wortwechsel zwischen seiner Mami und seinem Papi kam. „Ich brauche noch die nächsten Termine“, sagte R. kurz und sie „In Ordnung“.
Das war es also gewesen. 2 Wochen oder besser 14 Tage hatten Vater und Sohn jetzt zusammen verbracht, und es hatte wirklich gut geklappt. Klar, dass Lukas Heimweh gehabt hatte, aber erst in den letzten Tagen des Urlaubs, aber dann hatte er mit seiner Mutter telefoniert, und das war es dann auch schon. Natürlich war es bei dem Anruf zwischen seinen Eltern wieder zum Streit gekommen: R. wollte gern, dass Lukas noch eine Nacht länger bliebe, um am Samstagabend das Feuerwerk zu sehen, aber sie wollte dafür, dass der Kleine schon am Donnerstag zu ihr komme; sie würde ihn am Samstagabend wieder bringen. Das war für ihn inakzeptabel gewesen, weil sie ihm dann wieder kostbare Zeit mit seinem Sohn weggenommen hätte. Und so war es wieder zu Streitereien und Beschimpfungen gekommen (er: „Du bist ein reiner Machtmensch“, sie: „Ich habe meinen Sohn schon 14 Tage nicht mehr gesehen“, er: „Du hast ihn mir schon 6 Wochen weggenommen“, sie: „Dir geht es ja gar nicht um Lukas, sondern nur um dich“ usw.). Als die Schimpferei losging, stiegen dem Kleinen die Tränen in die Augen. R. sagte noch zu ihm: „So ist sie eben“, worauf sie wütend weiterschrie. War es denn wirklich so schlimm, wenn er eine Nacht mehr als vereinbart mit seinem Sohn verbrin-gen wollte, zumal es ja auch Lukas‘ Wunsch war. Warum machte sie wieder einen Staatsakt aus dieser Angelegenheit? Warum musste er immer zurückstecken und sogar das Jugendamt einschalten, um wenigstens alle 14 Tage seinen Sohn für ein Wochenende bei sich zu haben - vom Kampf um die Ferienregelung ganz zu schweigen. Warum wurde von ihr überhaupt nicht gefragt, was Lukas eigentlich wollte, ihr Kind, von dem sie immer behauptete, er sei schon so selbständig? Es ging doch um Lukas, und zwar nur um ihn.
Er nahm nach dem Anruf seinen Sohn in die Arme. Der Kleine hatte versucht, die Tränen während des Gesprächs zurückzuhalten, aber es war jetzt zu schwer für ihn geworden. „Lass mich“, sagte er nur und war auf den Balkon gegangen. R. sah durch das Fenster heimlich nach ihm; er saß an der Fensterwand und weinte verzweifelt. R. ging einige Minuten später auf den Balkon, setzte sich neben seinen Sohn und nahm ihn in den Arm. „Ich finde es Scheiße, dass ihr euch getrennt habt und euch immer streitet! Ich habe euch doch beide lieb! Bei allen meinen Freunden sind Papa und Mama zusammen, nur bei mir ist das nicht so. Mama ist nur bei dir so und nicht bei anderen. Ihr seid immer noch böse aufeinander“. Sie saßen schweigend zusammen. Noch vor einer Viertelstunde war alles anders gewesen: Sie hatten am Computer ein neues Spiel gespielt, herumgeblödelt und sich als „Kumpel“ und „tolles Team“ tituliert und auch so gefühlt. Jetzt waren sie regelrecht am Boden. Erst eine halbe Stunde später waren die beiden wieder ruhig geworden, hatten einen Spaziergang gemacht und sich dann vor die Glotze gesetzt.
Er hatte sich wieder einmal gefragt, was sie sich für ein künstliches Bild von ihm aufgebaut hatte. Bestimmt glaubte sie - oder redete es sich zumindest fest ein -, dass er sie nur ärgern wollte, weil er so sehr auf die Zeit mit seinem Sohn bestand. Dass ihm überhaupt nichts an seinem Sohn lag und er nur seinen Willen durchsetzen wollte. Dass er nur den Frieden ihrer jungen Ehe stören wollte. Natürlich war das falsch, aber durchaus praktisch für sie. Dadurch war es ihr natürlich sehr leicht, ihm ohne große Gewissensbisse Steine in den Weg zu legen, wenn er wieder mehr Zeit mit seinem Kind verbringen wollte. Er war für sie ja der Böse, vor dem ihr Kind zu schützen sie geradezu die Pflicht hatte. Alles, was dieser ihrer Meinung offensichtlich nicht entsprach, blendete sie einfach aus. Wie hatte damals schon ihre Freundin gesagt: „Sie hat eine sehr selektive Wahrnehmung.“
R. hatte sich nach dem Abschied traurig vor den Computer gesetzt, um durch Schreiben die Anspannung zu lösen. Jetzt war er wieder allein, allein mit den täglichen Problemen, dem Grübeln, dem Alleinsein. Was hatte er bei Schopenhauer gelesen? Jeder Mensch folge einem geheimen Plan, der sich erst am Ende offenbare, jeder lebe das Leben, das für ihn vorgesehen sei und das er sich selbst vor seiner Existenz ausgesucht habe. Irgendwie war das tröstlich. Trotzdem war er schon traurig, weil er möglichst viel vom Heranwachsen seines Sohnes mitbekommen wollte. Wie hieß es noch bei Schopenhauer: es gäbe keine Hölle, sondern diese Welt sei die Hölle und die Mitmenschen die Teufel. Das schien sich bei solchen Situationen tatsächlich zu bestätigen.
von Rainer Loewe
Es ist vergebliche Liebesmüh, beim Küssen die Augen zu schliessen.Früher oder später gehen sie einem doch auf.
